Mittwoch, 18. Januar 2017

Buchvorstellung: Nicolas Schmidlin - Unternehmensbewertung & Kennzahlenanalyse

Buchvorstellung: Nicolas Schmidlin - Unternehmensbewertung & Kennzahlenanalyse

Schon zu meiner Studienzeit hatte ich Vorlesungen zum Thema Rechnungswesen und Finanzierung+Investition. Aber aus irgend einem Grunde habe ich mich dann - obwohl ich gute Noten darin hatte - doch eher auf die Programmierung konzentriert und im Bezug auf Investments keinerlei Weiterbildung betrieben. Nach einigen Jahren kam ich dann dahinter, dass es doch irgendwie möglich sein muss, strukturierter an das Thema Investieren heran zu gehen und Unternehmensanalysen durchzuführen. Erst spät wurde mir bewusst, dass ich die notwendigen Grundlagen eigentlich schon kannte, allerdings nur ins Hinterstübchen verbannt hatte. So richtig bewusst wurde es mir nach dem Lesen des Buches, welches ich euch heute vorstellen möchte und welches ich v.a. für Anfänger im Bereich der Unternehmensanalysen für ideal halte: Unternehmensbewertung & Kennzahlenanalyse von Nicolas Schmidlin.

Zum Autor:
Der recht junge Autor Nicolas Schmidlin (Jahrgang 1988) hat in Frankfurt sowie London studiert und das Buch bereits während seiner Studienzeit verfasst. Zusammen mit Marc Profitlich hat er die Fondsberatungsgesellschaft ProfitlichSchmidlin AG gegründet, welche auch selbst einen Fonds verwaltet. Da ich eher das Buch und nicht im Detail den Autor vorstellen möchte, würde ich zu den beiden keine weiteren Worte verlieren. Stattdessen verweise hier einfach mal ganz frech auf den 2015er Capital-Artikel über sie.

Zum Buch:
Ich habe die 1. Auflage aus 2011 gelesen, welche in 9 Kapital aufgeteilt ist, die sich über knapp 280 Seiten erstrecken. Nach einer allgemeinen Einführung zum Thema Investments in Aktien (+ das zwiespältige Verhältnis der Deutschen dazu) durch Philipp Vorndran verliert auch Herrn Schmidlin ein paar einleitende Worte und geht dann direkt in die Vollen. Bereits der erste Satz des ersten Kapitels ist dabei wichtig: "Das Rechnungswesen ist die Sprache der Unternehmen". Er ist dahingehend wichtig, da einem Folgendes bewusst sein muss: wie es bei Sprachen nun einmal so ist, muss man sie einerseits erst einmal lernen und andererseits braucht es viel Übung, um sie perfekt zu beherrschen.

Bezogen auf Geschäftsberichte gibt es mehrere sich ähnelnde Sprachen. In Deutschland war früher die Rechnungslegung nach dem HGB (Handelsgesetzbuch) vorrangig. Dies wurde in den 2000ern im Zuge der Europäisierung zu Gunsten der IFRS (International Financial Reporting Standards) geändert. Diese orientieren sich an den für amerikanische Unternehmen verwendeten US-GAAP-Regeln (United States Generally Accepted Accounting Principles) und führen im Vergleich mit den HGB-Regeln v.a. dazu, dass die ausgewiesenen Gewinne oft etwas höher sind, genau wie ausgewiesene Bilanzpositionen.

Anschließend geht er näher auf den allgemeinen Aufbau von Geschäftsberichten und Jahresabschlüssen ein. Die wichtigsten wären dabei:

  1. Gewinn und Verlustrechnung / Income Statement: hier zeigt er die Unterschiede der 2 Darstellungsvarianten Gesamtkostenverfahren und Umsatzkostenverfahren auf inkl. einiger damit verbundener Vor- und Nachteile. Z.B. kann man beim Gesamtkostenverfahren Materialquoten und Personalquoten berechnen.
  2. Bilanz / Balance Sheet: Aufteilung in Aktiva (Mittelverwendung) und Passiva (Mittelherkunft). D.h. Aktiva zeigt die Vermögensgegenstände (langfristig und kurzfristig - z.B. Sachanlagen, Forderungen, Bankguthaben, Firmenwerte) und Passiva zeigt, wie Vermögensgegenstände bezahlt wurden (z.B. eingezahltes Grundkapital, einbehaltene Gewinne, Kredite, Verbindlichkeiten aus LuL, Kapitalerhöhungen, Rückstellungen etc.)
  3. Kapitalflussrechnung / Cash Flow-Statement: er nennt es das zentrale Element für Unternehmensanalysen und zeigt beispielhaft auf, wie man per Kapitalflussrechnung präkere Situationen aufdecken kann, die bei Studium der GuV nicht aufgetreten wären. Anhand der Kapitalflussrechnungen von BASF und Sothebys erläutert er die einzelnen Bestandteile.
  4. Eigenkapitalveränderungsrechnung
  5. Anhang / Notes: Hier werden die einzelen Positionen von 1.-4. meist im Detail nochmals erläutert. Oft ist es so, dass bei 1.-4. bei der jeweiligen Position (z.B. Verbindlichkeiten gegenüber Kreditinstituten) eine Zahl steht und man dann im Anhang eine genaue Erläuterung der Position findet (z.B. konkrete Laufzeiten der Kredite und Zinssätze)

In Kapitel 2 geht er auf die Berechnung diverser Rentabilitätskennzahlen ein.

  1. Eigenkapitalrendite (Nettogewinn/Eigenkapital): Er zeigt auch auf, dass eine hohe EK-Rendite nicht zwangsläufig gut ist, da sie leicht durch Aufnahme von Fremdkapital verzerrt werden kann. Ein konkretes Beispiel hier ist IBM, welches zwar eine sehr hohe EK-Rendite ausweist, allerdings auch eine niedrige EK-Quote.
  2. Umsatzrendite (Nettogewinn/Umsatz): nützlich für Vergleich von Unternehmen in gleicher Branche. Branchenübergreifend wenig Aussagekraft.
  3. EBIT- und EBITDA-Marge (EBIT/Umsatz bzw. EBITDA/Umsatz): ähnliche Verwendung, wie Umsatzrendite. Allerdings 'bereinigt' um verzerrende Faktoren, wie z.B. gezahlte Zinsen.
  4. Kapitalumschlag (Umsatz/Bilanzsumme): Wieviel Kapital wird zur Generierung des Umsatzes benötigt? Ein höherer Kapitalumschlag ist besser, als ein niedriger. Ist auch wieder branchenabhängig auszuwerten.
  5. Gesamtkapitalrendite (für ihn (Jahresüberschuss + Fremdkapitalzinsen) / Bilanzsumme): Vorteil gegenüber der EK-Rendite ist, dass sie nicht so leicht verzerrt werden kann.
  6. ROCE (Return on Capital Employed = EBIT/Capital Employed)
  7. Umsatzverdienstrate (operativer Cashflow/Umsatz): je höher, desto besser

In Kapitel 3 folgt die Berechnung von Kennzahlen zur finanziellen Stabilität

  1. Eigenkapitalquote (Eigenkapital/Bilanzsumme): im Normalfall sind Unternehmen mit höherer EK-Quote solchen mit niedrigerer vorzuziehen, da bei ihnen die Wahrscheinlichkeit höher ist, unbeschadet aus Krisen hervorzugehen
  2. Gearing ((Finanzverbindlichkeiten - liquide Mittel)/Eigenkapitel): niedriges Gearing ist gut -> nennt Bereich kleiner 10-20 % ideal im Bezug auf finanzielle Stabilität -> auch negatives Gearing möglich, wenn Nettofinanzposition vorliegt
  3. Dynamischer Verschuldungsgrad ((Finanzverbindlichkeiten - liquide Mittel)/Free Cashflow): entspricht der theoretischen Schuldentilgungsdauer -> Werte unter 2 Jahren sind sehr gut und solche über 5 Jahren kritisch
  4. Net Debt / EBITDA: im Endeffekt ähnlich 3. zu sehen
  5. Sachinvestitionsquote (Sachinvestitionen/OCF): je niedriger, desto besser. Bei Betrachtung darauf achten, dass Sachinvestitionen geglättet werden (z.B. wenn alle 3 Jahre neuer Traktor gekauft werden muss, sieht es in 2 Jahren gut aus und in einem scheiße)
  6. Anlagenabnutzungsgrad (Abschreibungen auf Sachanlagen/Sachanlagen zu Anschaffungskosten)
  7. Wachstumsquote (Investitionen/Abschreibungen): bei über 100 % expansive Phase; bei unter 100 % prüfen, ob ggf. Abschreibungen zu hoch angesetzt sind
  8. Cash Burn Rate (Eigenkapital/Jahresfehlbetrag): Anzahl der Jahre, in denen das EK aufgebraucht ist -> v.a. bei NetNets wichtig -> sollte bei Sanierung natürlich abnehmen bzw. dahin gehen, dass kein Cash mehr verbrannt wird
  9. Umlauf- und Anlagenintensität: Umlaufvermögen/Bilanzsumme bzw. Anlagevermögen/Bilanzsumme
  10. Anlagendeckungsgrad I und II: goldene Bilanzregel = langfristiges Vermögen sollte auch langfristig finanziert sein -> ADG I = Eigenkapital/Anlagevermögen, ADG II= (Eigenkapital + langfristiges Fremdkapital) / Anlagevermögen
  11. Goodwill-Anteil (Goodwill / Eigenkapital): je niedriger, desto besser -> Goodwill ist meist das erste, was in Problemfällen (oder bei neuen CEOs) abgeschrieben wird und dann zu Verlusten in der GuV führt

In Kapitel 4 folgen Kennzahlen zum Working Capital Management: hier geht es rund um die Themen Inventare, Forderungen aus LuL und Verbindlichkeiten aus LuL. Es werden Kennzahlen wie Debitoren- und Kreditorenlaufzeiten berechnet, Liquidität verschiedener Grade (1., 2. und 3.), Vorratsintensität, Umschlagshäufigkeit, Geldumschlag, Auftragsreichweite.

In Kapitel 5 folgt dann das erste Mal eine Beschreibung qualitativer Aspekte. Es geht hier v.a. um die Analyse des Geschäftsmodells: es gilt herauszufinden, was ein Unternehmen macht, wie gut es das macht und welche Vorteile sich im Markt daraus ergeben. Als Werkzeuge bei der Analyse führt er unter anderem SWOT und BCG-Analysen an. Im Endeffekt geht es darum starke Unternehmen zu identifizieren oder aber solche, die in Zukunft mit hoher Wahrscheinlichkeit stark werden.

In Kapitel 6 geht er auf das Thema Ausschüttungspolitik ein. D.h. wie wird man als Anleger im Laufe der Zeit an den Gewinnen beteiligt. Hier gibt es 2 Varianten: Dividendenausschüttungen und Aktienrückkäufe. Dabei beschreibt er, wie man diese Punkte analysieren sollte. Z.B. sind hohe Dividenden nicht zwangsläufig gut, wenn sie das Wachstum behindern oder aber der 'Stabilität' willen mehr ausgeschüttet wird, als Free Cashflow gemacht wurde. Im Bezug auf Aktienrückkäufe, die ja v.a. der Steigerung des Gewinns/Aktie dienen sollen, führt er u.a. Daimler als Negativbeispiel an, da diese die Rückkäufe durchgeführt haben, als das Unternehmen überbewertet war. Gerry Weber in 2009 wird als Positivbeispiel aufgeführt.

In Kapitel 7 folgen Bewertungskennzahlen wie KGV, PEG, KBV, KCV und KUV. Zusätzlich geht er auf die Berechnung des Enterprise Value ein und damit verbundener Kennzahlen wie EV/EBITDA, EV/EBIT, EV/Sales oder EV/FCF. Den Enterprise Value-Abschnitt finde ich dahingehend interessant, da ich in der Vergangenheit durch Investitionen in Unternehmen mit negativem EV in Verbindung mit dem Faktor Geduld durchaus gute Renditen erzielen konnte (z.B. bei Heliad oder aber Balda). Trifft man auf ein solches Unternehmen, sollte man also immer einen zweiten Blick drauf werfen.

In Kapitel 8 - dem umfangreichsten Kapitel - folgen Methoden zur Unternehmensbewertung. Hier führt er die Bewertungsmethoden Ertragswertverfahren (über Discounted Cashflow), Marktwertverfahren (Multiplikatoren von KGV, KBV, KUV, KCV) und Substanzwertverfahren auf und erläutert diese an konkreten Beispielen. Anhand dieses lässt sich auch einmal nachvollziehen, wie denn Analysten immer auf ihre konkreten Kursangaben kommen. Fallbeispiele wie z.B. das der Rational AG sind dahingehend interessant, dass er mit seinen Berechnungen in 2011 gar nicht so weit von den tatsächlichen Zahlen entfernt war. Allerdings hatte er einen fairen Wert von 146,50 € berechnet und zwischenzeitlich war er sogar auf 480 gestiegen.

In Kapitel 9 folgt noch eine kurze Erläuterung des Themas Value Investing. Dies ist für ihn der Übergang der in den ersten 8 Kapiteln beschriebenen theoretischen Grundlagen in die konkrete Praxis eines Investors. Er bringt ein paar bekannte Buffett-Zitate und erläutert die wichtigsten Prinzipien: Margin of Safety, Diversifikation und langfristiges Denken.

Fazit:
Ich finde dieses Buch sehr gut und habe es bestimmte schon 4-5 mal gelesen. Es ist vor allem als kompaktes Nachschlagewerk geeignet, welches v.a. Anfängern in diesem Bereich helfen kann, sich dem Thema zu nähern. Die zahlreichen Praxisbeispiele (Yum Brands, Coca Cola, Rational AG etc.) machen die einzelnen Abschnitte meiner Meinung nach greifbarer. Sehr gut finde ich zusätzlich, dass sowohl auf deutsche wie auch auf englische Entsprechungen eingegangen wird. Dies erleichtert es ungemein, einen Blick auf SEC-Filings zu werfen. Das Wichtigste, dass man aus diesem Buch mitnehmen sollte, ist, dass viele Wege nach Rom führen. Es gibt keine Methode, einen Unternehmenswert exakt zu bestimmen. Die beschriebenen Werkzeuge dienen lediglich dazu, gute Unternehmen von schlechten unterscheiden zu können und näherungsweise einen Gegenwartswert für das Unternehmen zu bestimmen. Durch die Value Investing-Prinzipien Margin of Safety, Diversifikation und langfristiges Denken schafft man es dann, mit einem breit (nicht zu breit!) gefächerten Portfolio auf lange Sicht gute Renditen zu erwirtschaften. Diverse Webseiten (siehe auch Gurufocus-Beitrag) erleichtern einem dabei die Arbeit mit den quantitativen Faktoren ungemein, sowie z.B. auch die Vergleichbarkeit innerhalb einer Branche. Die rund 25 € für das Buch sind gut investiertes Geld.

Samstag, 14. Januar 2017

Dürkopp Adler AG - Ein Hidden Champion im Bereich von Nähmaschinen?

Dürkopp Adler AG - Ein Hidden Champion im Bereich von Nähmaschinen?

Auf das erste Unternehmen dieses Jahres bin ich durch einen einfachen Screenerlauf aufmerksam geworden. Dabei hatte ich nach deutschen Unternehmen gesucht, die in den vergangenen 5 Jahren Umsatz, Nettogewinn und auch Eigenkapital steigern konnten und die dabei eine EK-Rendite von > 15 % aufwiesen. Eines dieser Unternehmen war Dürkopp Adler aus Bielefeld, der Stadt, die es nicht gibt.

Zum Unternehmen:
Dürkopp Adler ist im Bereich von Industrienähmaschinen tätig. Der Name leitet sich vom Firmengründer Nikolaus Dürkopp und der Nähmaschinenmarke Adler ab. In der langjährigen Firmengeschichte, die bis ins Jahr 1860 zurück reicht, wurden unter anderem auch Fahrräder, Autos, Motorräder und Rüstungsgegenstände (im 2. Weltkrieg) hergestellt. In seiner jetzigen Form (d.h. nach dem Zusammenschluss mit der Kochs Adler AG zur Dürkopp Adler AG) gibt es das Unternehmen seit 1990. In 2005 übernahm die ShangGong Holding (jetzt SGSB-Gruppe) rund 94 % der Anteile, die sie auch bis jetzt noch besitzt. Die Chinesen stellen fast den kompletten Aufsichtsrat und auch einen Teil des Vorstandes (den wirtschaftlichen Teil davon). ShangGong/SGSB war/ist selbst in der Nähmaschinenbranche beheimatet (siehe Beschreibung von SGSB), so dass die Übernahme vom Geschäftsbereich her gesehen durchaus Sinn gemacht hat.

Der Großteil der Kunden kommt - wie man sich sicherlich denken kann - aus der Textilbranche und der Automobilbranche. Im Textilbereich werden Nähmaschinen für Kleidungsstücke und Schuhe hergestellt und im Automobilbereich gibt es z.B. bei der Herstellung von Autositzen, Kopfstützen und Armstützen passende Anwendungsfälle. Zusätzlich bieten sie auch Lösungen im Bereich von Polstermöbeln an. Alles in allem ein relativ einfach zu verstehendes Geschäftsmodell. Laut eigener Aussagen ist Dürkopp Adler Technologieführer bei mittelschweren Industrienähmaschinen und durch kontinuierliche Forschung und Entwicklung versuchen sie, diese Stellung zu behalten.

Zum Chartverlauf:

Wenn ich mir diesen Chartverlauf mal so anschaue, würde ich sagen, dass die Chinesen mit ihrem Einstieg Mitte 2005 bei etwa 3,50 € wohl ein glückliches Händchen bewiesen haben. Ende 2008 hatten sie ihren Tiefpunkt bei etwas über 2 €, was allerdings bei Betrachtung ihrer Hauptkunden keine wirkliche Überraschung ist. Wie wir gleich an der Geschäftszahlen sehen können, haben sie in 2011/2012 den Turnaround geschafft und seit dem geht es sowohl zahlenmäßig als auch kursmäßig steil bergauf, was man von einem Maschinenbauer in einer zyklischen Branche so nicht direkt hätte erwarten können.

Zu den Geschäftszahlen:

Vor 10 Jahren lag der Umsatz in etwas genau so hoch, wie jetzt. Allerdings waren ihre Margen damals auch niedriger. In 2010 wurde der Geschäftsbereich der Fördertechnik als Dürkopp Fördertechnik GmbH an die österreichische Knapp AG verkauft. Daher ist das Unternehmen heute nicht wirklich identisch mit dem vor 10 Jahren. Die Zahlen von 2006-2010 schwankten sehr stark. Seit 2010 geht es auf Seiten des Umsatzes wieder stetig bergauf und auch Gewinn und Cashflow sind nachgezogen. Zuletzt lag die Eigenkapitalrendite kontinuierlich über 20 %, was eigentlich für eine starke Marktstellung spricht. Auch Cashflow-seitig sieht es auf dem Papier wirklich sehr gut aus. Da ist man von deutschen Maschinenbauern auch anderes gewohnt. Die Verschuldung wurde zurückgefahren und mittlerweile sitzen sie auf einem beruhigenden Finanzpolster von über 30 Mio. €, so dass sie vor 2 Jahren angefangen haben, eine Dividende zu zahlen.

Was gefällt mir an Dürkopp Adler:

  1. In den letzten Jahren wurden wirklich gute Geschäftszahlen vorgelegt. Seit 2009 gab es keine Verluste mehr.
  2. Es wird recht viel Cash produziert. Von daher sieht die Verschuldungssituation des Unternehmens im Moment sehr gut aus. Für F&E wird pro Jahr ein überschaubarer Betrag ausgegeben.
  3. Sie scheinen eine gute Qualität herzustellen. Da ich allerdings nicht aus der Branche bin, kann ich da nicht viel zu sagen. In einem Zeit-Artikel über Dürkopp Adler aus 2013 konnte ich lesen, dass die Chinesen wohl anfangs v.a. am Know How interessiert waren und dieses über ein Joint Venture teilweise abziehen wollten. Die Ergebnisse dieses Joint Ventures waren dann wohl aber nicht wirklich perfekte Produkte, so dass die Kunden lieber zum Original griffen - Made in Germany.
  4. Ich konnte keinerlei Analystenberichte oder -kommentare finden.
  5. Seit 2 Jahren dürfen sie auch wieder Dividenden auszahlen. Dies war ihnen vorher durch ausgewiesene Bilanzverluste nicht möglich.
  6. Die Webseite und der IR-Bereich von Dürkopp Adler sind recht informativ. Finanzberichte sind ab 2002 verfügbar. Da habe ich schon durchaus schlimmeres im deutschen Small-Cap-Bereich gesehen.
  7. Sie sagen selbst, dass sie in einer zyklischen Branche unterwegs sind. Gleichzeitig sehen sie sich aber auch gewappnet für die nächste Krise in der Branche.
  8. Es gibt ein paar stille Reserven in der Bilanz. U.a. sind einige Immobilien schon abgeschrieben, haben aber einen wesentlich höheren Marktwert.
  9. Die Dividende dürfte für manche verlockend sein. V.a. wenn man sieht, dass bisher nur ein Bruchteil der Gewinne bzw. des FCF ausgeschüttet wurde und ein ganzer Teil jetzt auf Halde liegt.
  10. Die variable Vergütung beim Vorstand ist vom ROCE abhängig. Die des Aufsichtsrates von der Höhe der Dividende.
  11. Überdurchschnittliche Renditen. Vor allem, wenn man sich mal die Zahlen der Konkurrenzunternehmen anschaut. Also z.B. Brother Sewing Machines Europe GmbH (77 Mio. € Umsatz und 4,5 Mio. Gewinn bei Eigenkapital von 25 Mio. und Bilanzsumme von 38 Mio. - laut Bundesanzeiger), Janome (Japan - siehe 2016er Janome-Geschäftszahlen) oder Juki (Japan - siehe Juki-Geschäftszahlen). Von den anderen Konkurrenten (Bernina International (Schweiz), Feiyue (China), Singer/SVP Worldwide (Bermuda) und Tacony (USA) konnte ich leider keine Zahlen finden.
  12. Nach der Finanzkrise gab es einen massiven Stellenabbau, um das Ruder rumzureißen. Dies wurde offensichtlich erfolgreich geschafft. Der Umsatz pro Mitarbeiter lag in 2009 bei 58,7' und in 2015 bei 111,4'. Die Personalkosten pro Mitarbeiter pro Jahr lagen in 2009 bei 36', in 2010 bei 24,7' und in 2015 bei 30,7'. Da haben wohl Entlassungen in Deutschland und Verlagerung nach Tschechien und Rumänien geholfen, das Geschäft ertragreicher zu machen. Schlecht für die Mitarbeiter, gut für die (größtenteils chinesischen) Investoren.
  13. Nähmaschinen klingen jetzt nicht so aufregend, wie Biotec, E-Fahrzeuge oder Nanotechnologie. Man könnte es also Zukunftstechnologie irgendwie übersehen oder falsch einschätzen. Die Weltbevölkerung wächst. Somit muss auch mehr Kleidung hergestellt werden. Die Löhne in den Billiglohnländern steigen, so dass dort evtl. auch Menschen gegen Maschinen getauscht werden, um die Produktion zu steigern. Und hier nimmt man dann evtl. eher eine hochwertige Maschine aus Deutschland, für die man mit hoher Wahrscheinlichkeit auch in ein paar Jahren noch Ersatzteile bekommt, als eine Billigmaschine Made in China...
  14. Sie haben einen eigenen Youtube-Kanal mit ein paar interessanten Videos, in denen man ihre Maschinen in Aktion sehen kann. Durchaus beeindruckend.

Was gefällt mir nicht an Dürkopp Adler:

  1. Die chinesischen Investoren lassen sich nicht wirklich in die Karten schauen. Sie haben seit Jahren eine gleich-hohe Beteiligung. Eine vollständige Übernahme wurde wohl nie angestrebt, warum auch immer. Wer einsteigen sollte, muss sich bewusst sein, dass er es hier eben mit Min Zhang zu tun hat und nicht mit Warren Buffett als Ankerinvestor. Die SGSB-Gruppe ist selbst börsennotiert und hat noch weitere Beteiligungen vorzuweisen (u.a. Pfaff GmbH und KSL GmbH in Deutschland). Die Tochterunternehmen arbeit wohl auch zusammen, was Synergieeffekte bringt. Evtl. ist das auch ein Grund dafür, dass die Zahlen bei Dürkopp Adler so gut aussehen, denn die Zahlen von SGSB selbst sind nicht sonderlich beeindruckend.
  2. Es gibt nur knapp 6 % an Streubesitz (d.h. in Summe etwa 490' Aktien). Ist also mehr als übersichtlich, auch wenn man als Privatinvestor nicht so ins Gewicht fällt. So viele Möglichkeiten bleiben da nicht in Zukunft. Entweder Delisting, was man auch früher haben könnte oder aber alles bleibt bei der aktuellen Situation (d.h. wie die letzten 11 Jahre auch) oder aber irgendwann gibt es ein Squeeze Out.
  3. Es gibt 31m Pensionsverbindlichkeiten. Die wurden allerdings zuletzt kleiner. Da sind wohl ein paar Rentner und Hinterbliebene weggestorben.
  4. Sie sind mittlerweile um einiges teurer geworden. Von den Kennzahlen her sind sie zwar immer noch nicht so teuer, wie der gefühlte Durchschnitt an börsennotierten Unternehmen in Deutschland, aber ein KGV von 12 ist eben um einiges höher, als ein KGV von 7,6 bei den 2015er Kennzahlen und ein KBV von 3,3 ist für einen Maschinenbauer schon recht hoch.
  5. Ein großer Teil der Gewinne der letzten Jahre kommt auch durch den starken Dollar, da relativ viel Geschäft im außereuropäischen Ausland gemacht wird.
  6. Die Handelsvolumen sind nicht die höchsten (so um die 10' € pro Tag). Möchte man also einsteigen, sollte man auf jeden Fall auf ein Limit achten.

Bewertung und Fazit:
Eine Bewertung (z.B. per DCF) wollte ich für dieses Unternehmen nicht machen, da ich mir nicht zutraue, hier mit meinem aktuellen Kenntnisstand irgendwelche Prognosen vorzunehmen. Ich würde ggf. erst einmal den Geschäftsbericht von 2016 abwarten, um zu schauen, ob die Cashflows auch weiterhin so gut sind, wie sie es bis 2015 waren. Ein KGV von 12 sieht nicht so teuer aus (v.a. im Vergleich zu anderen deutschen Mittelständlern und Unternehmen, die ähnlich rentabel sind). Allerdings ist es so, dass es eindeutig ein zyklisches Unternehmen ist und man sich wohl eher am oberen Ende, als am unteren Ende des Zyklus befindet. Nach aktuellem Stand (d.h. da keine AdHocs oder so gekommen sind), würde ich erwarten, dass die Zahlen von 2016 etwas höher ausfallen, als die von 2015. Da der Kurs aber schon um über 50 % angezogen hat seit Mitte des letzten Jahres, ist es eindeutig kein Schnäppchen mehr. Ich lass also erst einmal die Finger davon. Falls jemand mehr weiß, kann er gerne einen Kommentar hinterlassen.